Völlig neben sich stehend schlürft sie durch die Schulgänge. Weiß nicht mehr weiter. Sie bekommt Druck, fürchterlichen Druck von der Schule. Von Ihren Eltern und Mitschülern. Sie ist vom Leben gezeichnet. Die Verzweiflung, die sie perfekt überspielt, frisst sie langsam von Innen auf. Gedankenverloren schließt sie die Tür des Mädchenklos. Sie ist allein. Fasst in Zeitlupe sinkt sie an der Klotür zu Boden. Einen Moment lang hockt sie da, zusammengekauert und das Gesicht weinend in ihren Händen verborgen. Plötzlich schaut sie auf. Der Blick fällt auf den Ranzen. Nachdenklich mustert sie ihn. Langsam öffnet sie ihren Rucksack und holt etwas Scharfes, Metallenes heraus. Sie setzt an und zieht eine weitere Kerbe in ihren bereits vernarbten Unterarm.
Eine Last fällt von ihr ab. Kurzzeitig vergisst sie ihre Sorgen durch den Schmerz der von ihrem neuen blutenden Mal ausgeht. Mittel- und Zeigefinger presst sie behutsam auf die Wunde. Sie hasst ihr Leben. Sie hasst ihre Familie, ihre „Freunde“, ihre Schule. Sie hasst ihren Körper. Ihren Charakter. Sie hasst sich selbst .Mit zitternder Hand drückt sie die blutverschmierten Finger an das kühle Plastik des Klodeckels und schreibt in großen Lettern:I H M.



-Ich Hasse Mich-

„So oder ähnlich muss es an unserer Schule abgelaufen sein“, denke ich mir und schaue abwesende aus dem Fenster. Ich kann mich noch genau erinnern wie wir zum Sekretariat gestürmt sind um diesen Vorfall zu melden. Natürlich sollten wir uns keine Sorgen machen und das sie sich sofort darum kümmern würden. Und was wurde getan? Alles schnell weggewischt damit der eintönige Schulalltag seinen gewohnten Lauf nehmen kann! Aber wird heutzutage nicht an jeder Ecke an unserer Mitmenschlichkeit appelliert? Wir sollen selbstlos Euros an afrikanische Weisenkinder spenden oder den Schwächeren unter uns helfen. „Schau nicht weg!“ Heißt ein Plakatspruch gegen Gewalt an Schulen .Gewalt und Mobbing ist nicht in Ordnung. Da sind sich Jung und Alt einig. Und was ist mit denen die keinen Ausweg mehr wissen, die sich völlig zurückziehen und beginnen ihren eigenen Körper zu zerstören? Sollte man dort nicht genauso hinschauen? Wir wissen schon seit langem, dass es viele an unserem Gymnasium gibt die sich selbst verletzen. Doch dieser „Hilfeschrei“ auf dem Mädchenklo hat eine Lawine von entsetzten Aussagen und ungeklärten Fragen ins Rollen gebracht.
Was können wir tun? Wie geht es weiter? Sind diese Leute auf unsere Hilfe angewiesen? Wie viele sind es wirklich? Die Dunkelziffer scheint unermesslich. Natürlich ist unsere Schule kein Einzelfall mehr. In den Nachrichten wird nun schon des Öfteren von Selbstmord an Schulen berichtet. Sollen wir es denn erst so weit kommen lassen? Nein! War das vielleicht erst der Anfang? Was erwartet uns nun? Sind wir alle betroffen? Folgt bald der erste Amoklauf oder muss sich erst jemand vom Dach stürzen damit endlich was getan wird? So kann das doch nicht funktionieren! Die Schulen sollten ein Ort der Geborgenheit, des Vertrauens, der Freundschaft, der Gemeinschaft und Nächstenliebe sein! Und nur so kann man die gewünschten Lernerfolge die von unserem Umfeld gefordert werden erzielen! Letztendlich bin ich zu dem Entschluss gekommen meine Mitmenschen aufmerksamer zu beobachten und nicht weiter tatenlos dabei zuzusehen wie sich dieser „Trend“ der Selbstverstümmelung von Generation zu Generation durchzieht. Ich hoffe ich bin nicht die einzige. Stefanie Barth